Schülerfirma

Deutschlands beste Schülerfirma

Die Erfolgsgeschichte der Werbeagentur "Die Zweitbesten" des Johanna-Geissmar-Gymnasiums in Mannheim

 

Gewinner des Bundes-Schülerfirmen-Contests 2014 in Berlin, Sieger beim Junior-Elevator-Pitch 2015 in Stuttgart. Ehrung und Auszeichnung durch die Bildungs-Bürgermeisterin Dr. Ulrike Freundlieb der Stadt Mannheim sowie durch Iris Gleicke, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Zu den deutschlandweiten Kunden zählen große Firmen wie die SAP oder die TSG 1899 Hoffenheim und mittelständische Unternehmen aus den Bereichen Finanzberatung und IT. Dazu eine umfangreiche Berichterstattung in Presse und Fernsehen. 

Die Erfolgsbilanz der Schüler-Werbeagentur "Die Zweitbesten" ist in der Tat beeindruckend. Dahinter stecken trotz sehr viel Spaß und toller Erlebnisse aber auch harte Arbeit, außergewöhnliches Engagement und einige Rückschläge.


Was ist eine Schülerfirma?

Eine Schülerfirma ist ein von Schülern gegründetes und geleitetes Unternehmen, das unter dem rechtlichen Schutz der Schule geführt wird. In diesen Firmen planen, produzieren und verkaufen Schüler Waren oder bieten Dienstleistungen an. Sie sind zuständig für Buchhaltung, Marketing, Kommunikation, Personalführung, Produktion und Vertrieb. Als schulische Organisation ist eine Schülerfirma zwar kein ganz echtes Unternehmen, aber es gibt einen realen Geschäftsbetrieb, reale Waren und reale Einnahmen, über die die Schüler selbst verfügen können.

Solche Unternehmen dienen meist pädagogischen Zielen und Bildungszwecken und sind je nach Bedarf und Möglichkeiten unterschiedlich strukturiert. Ein klassisches Beispiel für eine Schülerfirma ist das eigenverantwortliche Betreiben einer Schul-Cafeteria.


Die Gründung der Schülerfirma "Die Zweitbesten"

Zur Gründung einer Schülerfirma-Werbeagentur hatte ein Erlebnis während meines Referendariats am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium 2010 in Eppelheim geführt. Dort hatte mir ein Schüler einer siebten Klasse seine Unterlagen für ein Referat gezeigt. Darunter befand sich eine professionell gestaltete Broschüre, die genau die Informationen seines Handouts enthielt. Darauf angesprochen erklärte mir der Schüler, das er nicht etwa sein Handout nach der Broschüre angefertigt hätte, sondern dass er diese für sein Referat selbst mit einem Grafikprogramm erstellt habe. Das Wissen um die Fertigkeiten dazu habe er sich selbst über Anleitungen im Internet beigebracht. 

Ich selbst hatte mich zwischen meinem Studium und der Aufnahme meiner Lehrtätigkeit für einige Zeit mit einer Marketingagentur selbstständig gemacht. Bevor ich quasi von der Schule zurück an die Schule ging, wollte ich herausfinden, wie es ist, ein eigenes Unternehmen zu gründen, und Berufserfahrung sammeln. Dabei hatte ich mich vor allem mit Grafikdesign, das mich besonders faszinierte und das ich auch für den Alltagsgebrauch sehr praktisch erachtete, immer schwer getan. Über gewisse Grundkenntnisse war ich nie hinausgekommen, auch weil ich mich zu spät und zu sporadisch mit der Thematik befasste. Der neuen Generation schienen dahingehend schon in jungen Jahren alle Möglichkeiten offenzustehen. 

Obwohl ich das kreative Potential dieser Möglichkeiten schon damals wahrnahm, kam ich erst drei Jahre später am Johanna-Geissmar-Gymnasium in Mannheim auf die Idee eine Schülerfirma zu gründen. Ein Schüler hatte im Deutschunterricht statt einer Power-Point-Präsentation eine Webseite erstellt, um die Ergebnisse der Gruppenarbeit zu den Literaturepochen festzuhalten. Es war ihm nicht gelungen, diese Webseite in der Unterrichtszeit fertigzustellen, und inhaltlich hatte seine Gruppe auch nicht viel zustande gebracht. Viel wichtiger aber war mir in dem Moment, dass ein Schüler seine individuellen Fertigkeiten in den Unterricht einbrachte. Er wollte zeigen, dass er etwas Besonderes konnte. Ein kurzes Gespräch ergab, dass auch dieser Schüler seine Webdesign-Kenntnisse über Tutorials im Internet eigenständig erlernt hatte und mit dem Gedanken spielte, diese Tätigkeit irgendwann als Nebenerwerb zu betreiben.

Bei meinen Recherchen, wie man ein solches Vorhaben am besten im schulischen Rahmen verwirklichen konnte, stieß ich dann auf das Konzept der Schülerfirmen. Eine Woche später lud ich besagten Schüler sowie ein Dutzend weiterer Interessenten zur Gründungsveranstaltung einer Schülerfirma an unserer Schule ein. Zwar konnten sich die Schüler anfangs nur schwer vorstellen, dass man aus nichts eine Firma gründen könnte, geschweige denn, dass sie als Schüler dabei außerhalb der Schule für ernst genommen würden. Aber sie beschlossen, der Sache zumindest einen Versuch zu geben. Und so entstand die jüngste Werbeagentur der Welt.

Für die Gründung einer solchen hatte ich mich aus mehreren Gründen entschieden. Zum einen weil man als Werbeagentur zu Anfang kein Kapital benötigt, lediglich Papier und Stift oder noch besser einen Computer. Zum anderen weil man nützliche Fertigkeiten wie Grafikdesign oder das Verfassen von Werbetexten lernt. Und nicht zuletzt weil die Arbeit in einer Werbeagentur viele Möglichkeiten bietet, sich in ganz verschiedenen Positionen und Sachgebieten auszuprobieren, und die unterschiedlichen Aufträge auch langfristigen Freiraum für eigene Ideen und Kreativität gewährleisten. 


Die Erfolgsgeschichte der Zweitbesten

Nach der Gründung im Oktober 2013 folgte zunächst eine mehrwöchige Lernphase, in der die zehn Schülerinnen und Schüler sich in den Bereichen Grafikdesign, Webdesign, Marketing oder Werbetexte probierten und deren Grundfertigkeiten erlernten. Wir entschieden uns für den ungewöhnlichen Namen "Die Zweitbesten", weil man als Werbeagentur ja durchaus etwas selbstironisch und auffallend auftreten darf. Und bald darauf erstellten die Grafiker unser erstes Logo und der Webdesigner die firmeneigene Webseite

Zeitgleich machten wir uns auf die Suche nach Sponsoren, die unsere Arbeit zu Beginn unterstützen sollten. Von der Volksbank erhielten wir eine Anschubfinanzierung, mit der wir uns die Domain www.diezweitbesten.de reservieren sowie diverse Fachliteratur zu Werbetexten, Werbung und Grafikdesign anschaffen konnten. Die Druckerei City-Druck Heidelberg förderte uns mit dem Druck von Plakaten, Flyern und Visitenkarten. Die Rechtsanwaltskanzlei GHI Mannheim klärte uns darüber auf, was wir bei der Verwendung von Bildern und der Erstellung von Grafiken hinsichtlich Urheberrechte und Nutzungsrechte zu beachten hätten. Und die Softwarefirma Adobe stellte bereitwillig diverse Zugänge zur Creative Cloud zur Verfügung, wodurch die Schüler mit professionellen Programmen wie Photoshop und Illustrator arbeiten konnten. 

Da eines der wichtigsten Ziele der Schülerfirma war, möglichst reale Berufserfahrungen zu machen und nicht auf wohlwollende Eltern oder in der Pflicht stehende Lehrer angewiesen zu sein, erfolgte eine erste Kundenakquise bei lokalen Kleinunternehmen, Selbstständigen und Vereinen. Für die Soccarena Heidelberg wurde so ein Flyer entworfen, für den Turnverein KTG Heidelberg gleich eine ganze Flyer-Serie und für die Rockband Pennysurfers ein neues Logo im Retro-Look. Mit diesen ersten Erfolgen war es dann möglich, auch größere Unternehmen anzusprechen. Als besonders spannend erwies sich dabei der Auftrag der SAP. Für deren Heldenplatz-Event sollten wir eine kreative Beschilderung für die Stände der Projektpartner gestalten. Das war zum einen deshalb erfreulich, weil alle Schüler in die Arbeit einbezogen werden konnten und mussten. Und zum anderen, weil man seitens der SAP hohe Maßstäbe anlegte. Geschenkt gab es nichts, auch nicht von großen Unternehmen für kleine Schülerfirmen.

Die ersten Entwürfe wurden kritisiert und abgelehnt, die zweiten Entwürfe für gut befunden, allerdings gab es dann Probleme mit der Druckvorstufe, so dass die Schüler innerhalb von zwei Tagen alle Grafikdateien neu anlegen mussten. Dafür opferten sie bereitwillig einen ganzen Sommertag, an dem auch noch der Abischerz der Schule stattfand, und schufteten von morgens um 8 Uhr bis nachmittags um 17 Uhr durchgehend für den Auftrag. Dabei herrschte eine Arbeitsatmosphäre wie in einer richtigen Agentur. Selten hatte ich die Schüler so motiviert und handlungssicher erlebt. Ein weiteres Highlight war der anschließende Besuch des Marketing-Oscar-Gewinners Ulrich Semblatt, der während der Projekttage mit den Schülern einen Workshop zum Thema Story-Telling durchführte und sie hinsichtlich der Organisation ihrer Arbeitsprozesse beriet. 

Der enorme Arbeitsaufwand ermöglichte uns ein beeindruckendes Portfolio. Unsere Webseite entsprach der einer richtigen, professionellen Werbeagentur. Infolgedessen wurden wir von der Jury des Bundes-Schülerfirmen-Contests 2014 - ein Wettberb für Schülerfirmen, an dem wir und über 500 weitere Schülerfirmen teilnahmen - auch unter die besten zehn Teilnehmer gewählt. Im November 2014 wurden wir nach Berlin eingeladen und nahmen im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie überrascht die Auszeichnung als Deutschlands beste Schülerfirma entgegen. Und der lang im Umfeld kursierende Witz wurde damit endlich auch Realität. Die Zweitbesten waren ganz offiziell die Besten!

Der sensationelle Erfolg zog weite Kreise. Die Rhein-Neckar-Zeitung, der Mannheimer Morgen und das Bildungsmagazin Didacta berichteten umfangreich über unsere Schülerfirma. Ein Beitrag in der Landesschau des SWR und ein Auftritt in der Sendung Kaffee oder Tee folgten bald danach. Seitens der Stadt Mannheim wurden unsere Leistungen von der Bildungsbürgermeisterin Frau Dr. Ulrike Freundlieb geehrt. Und nicht zuletzt häuften sich die Anfragen von Kunden, die durch die Berichterstattungen und unsere Werbemaßnahmen auf uns aufmerksam geworden waren. Für das gesamte Jahr 2015 waren wir bezüglich Logo- und Flyererstellung, Webdesign sowie der Beratung bei Werbemaßnahmen ausgebucht. 

Nicht alles gelang dabei so gut, wie wir es erhofft hatten. Einen Auftrag setzten wir auch in den Sand, weil ich den Schülern eine Zeit lang die alleinige Verantwortung für die Schülerfirma übertragen hatte. Teilweise lief das erstaunlich gut, weil die Schüler die Kundengespräche inzwischen auch ohne mein Beisein und etwaige Vor- und Nachbesprechungen führen konnten. Teilweise lief das aber auch chaotisch, weil es für Schüler schwer ist, sich untereinander verbindlich abzusprechen und zu organisieren. Daher wurde beispielsweise auch ein Flyer für die Veranstaltung eines Kunden nicht fristgerecht fertiggestellt. Ein für uns und für den Kunden geschäftsschädigendes Verhalten, dessen Ursachen und zukünftige Verhinderung wir anschließend intern ernst diskutierten. Aber dieser und andere Rückschläge trugen letztlich nur zum Lernprozess der Schüler bei. 

Weitere Achtungserfolge und Ausdruck der Wertschätzung der Zweitbesten stellen eine Einladung als Gastredner und Referenten zu einem Workshop-Seminar für Lehramtsstudierende der Pädagogischen Hochschule Freiburg im November 2015 und eine Teilnahme als Referenten am Deutschen Bildungsgipfel im Juni 2016 in Mannheim dar. Die Erfolgsstory der Schülerfirma ist außergewöhnlich und gilt als damit gewissermaßen als Aushängeschild für Entrepreneurship Education.

Die Zusammenarbeit mit echten Kunden, für deren Geschäftserfolge unsere Leistungen wichtig sind und deren Kritik nicht unbedingt schülergerecht, dafür aber marktgerecht ist, ist ein bedeutender Faktor auf dem Weg zum Unternehmer. Und dass gelegentliche Misserfolge nicht das Ende einer erfolgreichen Arbeit bedeuten, ist eine wichtige Erkenntnis für Schüler. So konnten die Zweitbesten auch bei der Teilnahme an ihrem zweiten Wettbewerb überzeugen. Im Juli 2015 belegten sie bei der Endausscheidung des Junior Elevator Pitches in Stuttgart erneut den ersten Platz, was auch mit einer Einladung an Bord der MS Wissenschaft zum Symposium über Unternehmenskulturen und Zukunftsvisionen der Stadt Mannheim belohnt wurde, wo Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz den Schülern zu ihrem Erfolg gratulierte. 

Die Werbeagentur "Die Zweitbesten" ist vielleicht kein ideales, aber doch ein sehr gutes Beispiel dafür, wie erfolgreich und wertvoll die Arbeit in einer Schülerfirma sein kann. Das der Erfolg einer solchen Firma aber nicht nur vom Lehrer, sondern in erster Linie von den Schülern und deren Motivation, Engagement und Können abhängt, ist klar. Bei der Belastung, die Schüler heute durch eine verkürzte Schulzeit und eine große Termindichte erfahren, kann man gar nicht hoch genug bewerten, was die Schüler einer Schülerfirma leisten. Ebenso klar ist aber auch, dass Schule einen ausgezeichneten Raum bieten kann, um Schüler in ihren eigenen Fertigkeiten und Interessen weiterzuentwickeln. Sei es durch eine Bündelung von Potentialen, durch die Vorgabe von konkreten Zielen, durch Motivation und Kritik oder durch die Vorgabe eines organisatorischen Rahmens. Schülerfirmen sind wichtige Einrichtungen, um Schülerinnen und Schüler mit realen Erlebnissen und Erfahrungen zu konfrontieren, sie aus bisherigen Rollen zu befreien und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich frei und kreativ zu entfalten.

 


Blog-Artikel zum Thema

Wie man eine Schülerfirma erfolgreich gründet


 

Die Schülerfirma in der Presse

Artikel in der Didacta, 2014

Artikel im Mannheimer Morgen, 22.11. 2014

Artikel im Mannheimer Morgen, 15.10.2014

Artikel im Mannheimer Morgen, 2.11.2015

Artikel auf der Webseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

Artikel über Ehrung durch die Bildungsbürgermeisterin der Stadt Mannheim

Die Schülerfirma in den Medien