Kafka-Rap

Der Rap-Process

Kafkas "Process" als Rap - Wie sich ein Schüler meines Deutsch-LKs zum Abitur rappte 

Die Dachböden sind schmutzig, sie verkörpern das Unheil,
ich aber bin unschuldig und unwissend verurteilt.

Auch wenn es ein hehres Ziel von Bildung ist. Nicht immer kann Schule Lernstoff so vermitteln, dass er in die Lebenswelten der Schüler hineinwirkt. Und nicht immer kann Schule Raum bieten, um sich für jene Lebenswelten der Schüler zu öffnen. Daher ist es umso erfreulicher, wenn dieses Zusammenführen nachhaltig und auf hohem Niveau gelingt.

In diesem Sinne gelang einem Schüler meines Deutsch-Leistungskurses am Johanna-Geissmar-Gymnasium in Mannheim 2013 eine beachtliche Leistung. Fasziniert von der Besprechung der damaligen Abiturlektüre Kafkas "Process", verfasste und produzierte Tobias Stoll im Rahmen einer Projektarbeit einen Rap, in dem er nicht nur den Inhalt des Romans wiedergab, sondern auch durch die Verwendung einer kafkaesken Sprache eine düstere und beklemmende Atmosphäre schuf sowie diverse Interpretationsansätze thematisierte.


Ein Rap führt zum anderen

Zur Entstehung des "Rap-Process" hat ein anderer Rap geführt. Zum Einstieg in die dem "Process" vorangegangene Unterrichtseinheit Liebeslyrik wurde im Unterricht der Rap "Ich hab geschrieben" des Heidelberger Rappers Torch besprochen. Dessen surrealer Text setzt sich intensiv mit einer gescheiterten Beziehung des lyrischen Ichs, einer daraus resultierenden Unfähigkeit zu sprechen und der Bedeutung des Schreibens als Verarbeitungsprozess innerer Konflikte auseinander. Die eindringlichen Sprachbilder, die kraftvolle Sprache sowie eine gewisse Vagheit des Gesagten faszinierte und verwirrte die Schüler ebenso sehr, wie es später Kafkas Roman bewirken sollte. Aus dieser Öffnung des Unterrichts zur Lebenswelt der Schüler hin ergab sich auch eine unverhoffte Öffnung der Schüler zur Schule hin. Die Schüler diskutierten nicht nur über die Bedeutung von Rap im Vergleich zu "echter" Lyrik, sondern berichteten auch über eigenen Versuche, Raps zu verfassen. Unter diesen Schülern war auch Tobias Stoll, der schon seit einigen Jahren rappte und mich darum bat, einen seiner Raps einmal zu interpretieren. Schließlich müssten die Schüler auf Anweisung der Lehrer ja auch ständig die Werke anderer deuten. Daher würde es ihn interessieren, was ein Deutschlehrer aus seinen Texten heraushören würde.

Da ein Schüler, der eigenständig literarische Texte verfasst, zwar nicht einzigartig, aber doch außergewöhnlich ist und man als Deutschlehrer ein literarisches Interesse stets fördern möchte, kam ich der Aufforderung gerne nach. Und scheiterte in den Augen des Schülers. Die anschließende Diskussion darüber, was einen interpretierbaren Text eigentlich ausmache, sowie das auf Kafkas "Process" bezogene Gedicht "Definition" von Erich Fried führten aber später dazu, dass ich dem Schüler vorschlug, im Rahmen seiner noch ausstehenden GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) statt des üblichen Referats doch lieber einen Rap zu verfassen. Und zwar einen Rap, der im Deutschunterricht zum Einsatz kommen könnte. Der also nicht nur den bloßen Inhalt wiedergäbe, sondern der Kafkas Roman interpretieren und gleichzeitig selbst interpretierbar sein solle.  

Zwei Monate arbeitete Tobias Stoll an seinem Rap. Ein enormer Zeitaufwand. Aber wenn Schüler sich selbst und ihre eigenen Interessen bei einer schulischen Lernleistung verwirklichen können, sind sie motiviert und wollen die Aufgabe nicht zur Zufriedenheit des Lehrers, sondern vor allem zu ihrer eigenen lösen. Die Mühe hat sich für Tobias jedenfalls gelohnt. Der Benotung für die Präsentation einer ersten Fertigstellung folgten dann eine gemeinsame Diskussion sowie Verbesserungsvorschläge im Detail. Schließlich ging es ja nicht nur darum, eine benotbare Schulleistung zu schaffen, sondern ein Werk, das nachhaltig wirkt und im Unterricht Verwendung finden könne. Und nicht zuletzt sollte auch der Lernprozess des Schülers gefördert werden, der sich auch im eigenen Metier weiterentwickeln und verbessern wollte.


Vom Process über den Lernprozess zum Rap-Process

Mit seinem Rap ist Tobias Stoll vielleicht genau das gelungen, was der Person Josef K. verwehrt geblieben ist. Er hat sich nicht vom Prozess - in diesem Fall vom schulischen - vereinnahmen lassen, sondern hat diesen selbst vereinnahmt und überwunden. Als Schüler, und eben als Rapper.

Der Kafka-Rapper, der sich zum Abitur rappt. Der Rap-Process hat ein erstaunliches Medienecho hervorgerufen. Nicht verwunderlich, wenn es in Presse, Radio und Fernsehen so reißerisch formuliert wurde, obwohl die Note für die Projektarbeit wohl kaum ein Hundertstel des Abiturschnitts ausgemacht haben dürfte. Die umfangreiche Berichterstattung konzentrierte sich dennoch stark auf diesen Aspekt sowie auf die Diskrepanz zwischen der literarischen Qualität Kafkas und der von Stoll gewählten Form des Raps.  In diversen Rap-Foren und in den Kommentarbereichen der Presseartikel wurde prompt kontrovers diskutiert. Es gab sehr viel Zuspruch für die Kreativität und den Fleiß des Schülers, aber auch Kritik aus beiden Lagern. Während einige Vertreter des klassischen Schulwesens den Untergang der Zivilisation heraufbeschworen und fragten, ob dies noch Bildung sein könne, erhoben sich gleichsam Verfechter der "wahren HipHop-Kultur" und fragten ebenso inbrünstig, ob dies noch Rap sei. Der geneigte Kafka-Leser wird in diesen Reaktionen natürlich sofort das letzte Aufbäumen des Gerichtes erkennen. Allerdings ein vergebliches. Denn angesichts der aus Lehrersicht erdrückenden Beweislast müsste eigentlich jegliche Kritik ersterben wie ein Hund.

Denn was bei allen Diskussionen außer Acht geblieben ist, ist die erstaunliche Qualität, in der Tobias Stoll seine Schulaufgabe gemeistert hat. Sein Rap ist keine zweckgereimte Inhaltsangabe, durch die man Lernstoff auswendig lernt. Es ist auch keine Rap-Adaption eines bestehenden Textes, wie man das von gerappten Balladen wie dem "Zauberlehrling" kennt. Vielmehr hat Stoll mit dem Rap-Process ein eigenes Werk geschaffen. Eine Verdichtung und Interpretation des "Processes", die sowohl Kafkas Sprache als auch die Sprache des Raps in sich vereinen und sie zu einem atmosphärischen Ganzen führen, das der düsteren Stimmung und der Polyvalenz des Erzählten bei Kafka in nichts nachsteht. Und einen Text, der sich hervorragend zum Einsatz im Deutschunterricht eignet.

Für ihn selbst sei es eine Art "Meisterstück" gewesen, erklärte Tobias Stoll später, mit dem er auch für sich selbst einen gelungenen Schlussstrich unter den Lebensabschnitt Schule ziehen konnte. Die mediale Aufmerksamkeit sei zwar ganz nett gewesen, wichtiger aber waren Erlebnisse wie das Treffen und Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller und Kafka-Experten David Zane Mairowitz oder die Einladung nach Lübeck anlässlich einer Veranstaltungsreihe zum hundertjährigen Jubiläum von Kafkas "Process". Die Gewissheit, etwas Besonderes und Fortbestehendes geleistet zu haben, sei etwas sehr Wichtiges, was er aus seiner Schulzeit mitnehme.

 


Material

Lyrics - "Der Rap-Process" - Tobias Stoll, 2013.

Lyrics - "Ich hab geschrieben"- Torch, 2000.

Wissenschaftliche Arbeit - "Rappräsentation. Rap als Literatur einer nicht-literarischen Jugendkultur." - Christian Mahnke, 2006.


Der Rap-Process in der Presse

Artikel auf Spiegel Online

Artikel im Mannheimer Morgen

Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung

Artikel in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Hörcomic im Deutschlandfunk

Der Rap-Process in den Medien